Am Dach der Tour

 

Heute haben wir den höchsten Punkt der Tour erreicht, den wir selbst erradeln. Auf 648 M. ü. M. überqueren wir die türkische Grenze. Ab heute weckt uns der Muezzin!

 

 

Wir schlafen nur 5 km von der Grenze entfernt. Frohgemut nehmen wir die letzte Steigung zur Grenze in Angriff. Oben angekommen, überholen wir den Grenzstau, der aus ganzen fünf Autos besteht. Das ist gut so, denn gut Ding will Weile haben... Ganze vier Mal werden unsere Pässe kontrolliert. Wahrscheinlich will man sicher gehen, dass wir auf den 50 Metern dazwischen nicht die Identiät gewechselt haben... 

 

Unsere elektronischen Visa haben wir vor zwei Tagen beantragt und nach 10 Minuten bekommen. Easy, mit Kreditkarte bezahlen, damit hat es sich. Anscheinend soll es bald nur mehr solche geben. Jetzt werden sie noch an der Grenze ausgestellt, sind da aber teurer.

 

Auf den ersten km nach der Grenze ist gleich mal militärisches Sperrgebiet. Im Wald Pieseln ist also gestrichen. Die Landschaft ist hier bergig, sonnenverbrannte Grasflächen mit Eichen und vereinzelten Felsen.

 

Karin in Türkei-Kluft, kurze Hose ade!
Karin in Türkei-Kluft, kurze Hose ade!

 

Auf den ersten 1 km begegnen uns fünf Hunde! Zwei sind Hirtenhunde und werden vom Hirten zurückbeordert. Die anderen drei beäugen uns aufmerksam, als wir flach atmend vorbeischleichen. Mensch, sind die Dinger furchterregend groß und langbeinig. Dagegen waren die rumänischen Hunde ja Zwerpinscher! Aber sie beschließen, dass unsere mageren Radlerwaden kein anständiges Frühstück abgeben und lassen uns ungeschoren. Uff!

 

Wir erreichen unsere erste richtige Stadt - Kirklareli. 72 000 Einwohner, davon gefühlte 70 000 Männer, die im Kaffeehaus oder im Park sitzen. Dazwischen wuselt der Rest der Stadt herum. Schlagartig sind wir in einer anderen Welt gelandet! Die Frauen tragen zu 60 % Kopftuch. Fast alle tragen lange Hosen, von engen Leggings über normale Hosen bis zu buntgemusterten Pluderhosen und kurzärmelige Leiberl bis hin zum Mantel.

 

Auch wir sind von weitausgeschnittenen T-Shirts und kurzen Hosen zu langen Hosen und kurzärmeligen T-Shirts gewechselt. Denn auch Karl stehen lange Hosen gut zu Gesicht. Kurze Hosen sind für den Türken Unterhosen und in Unterwäsche geht man nicht auf die Straße. Punkt!

 

Wir haben es scheinbar richtig gemacht, denn wir werden wohlwollend betrachtet.

 

An allen Ecken wird etwas verkauft und gekauft. Ein alter Mann kommt und holt aus seinem vollen Sack eine große Weintraube. Nein, danke. Wir können noch gar nichts kaufen, wir haben noch kein türkisches Geld. Karl geht zum Bankomat. Der alte Mann geht weg, wäscht seine Trauben sorgfältig unter dem öffentlichen Wasserhahn. Dann kommt er wieder zu Karin. Nichts verkaufen möchte er, er will uns seine Traube schenken. Er zeigt auf sich, er gehe jetzt in die Moschee und zum Himmel, Allah will es so, dass er uns was schenkt. Na sowas! Einträchtig essen wir gemeinsam die Trauben. Und die zweite Traube, die ist für Karl, wenn er wiederkommt. Dann geht er in die Moschee. Danke!

 

Ein paar hundert Meter der nächste ältere Mann: "Möchten Sie meine Hilfe?" Dann unterhalten wir uns ein wenig auf Deutsch, denn er hat fünf Jahre in Stuttgart gelebt. Nett!

Im Park zieht ein Verkäufer mit einem großen Tablett Sesamkringel auf dem Kopf seine Runden, ein Schuhputzer geht seiner Arbeit nach. Ein Gürtelverkäufer schiebt sich durch die Menge. Wir werden aber nie angesprochen, was zu kaufen, als wir so dasitzen, unsere Kringel schmausen und das lebhafte Treiben beobachten. Sehr angenehm!

Die Autos wuseln auch durcheinander. Gehupt wird viel, aber eher unaufgeregt. Jede Lücke wird genützt, aber nicht gerast. Viele, viele grüßen uns und winken. 

 

Dann radeln wir weiter. Jetzt wird es anstrengend, denn wir haben die Richtung gewechselt, haben jetzt böigen Seitenwind, der uns versetzt, vor allem wenn LKWs ihren Sog erzeugen. Nach 78 km kommen wir in eine Kleinstadt, wo wir ein nettes Zimmer bekommen. Nur mehr 170 km sind es jetzt bis Istanbul, spätestens in drei Tagen sind wir da.

 


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