Zu Gast beim Imam

Der heutige Tag bringt eines der bisher eindrucksvollsten Erlebnisse der gesamten Tour: Wir übernachten in einem kleinen Bergdorf als Gäste des Imam und schlafen in der Moschee. Und das kam so:  

 

Der Tag verging mit viel hügelauf, hügelab. Wir fahren über viele, viele km durch dichten Eichenwald. Sehr schön anzusehen, aber auch sehr anstrengend.

 

Wir kommen durch diverse Bergdörfer und Kleinstädte. Überall brummt das Leben. Überall wird etwas verkauft: Berge von Melonen und Gemüse, ganze Hammel hängen in der Auslage, überall sitzen die Männer mit dem Teeglas in der Hand. Oft werden wir begrüßt, gefragt, woher wir kommen. Also eigentlich wenden sich die Männer immer an Karl, Karin wird höflich ignoriert, wenn sie das möchte. Das gehört sich so, man quatscht hier nicht die Ehefrau eines anderen an. Maximal alte Männer tun das, die sind wohl über jeden Verdacht erhaben.

 

 

 

 

 

 

Und noch einmal das mittlere, weil es soviel Lebensfreude ausstrahlt:

 

Nach über 70 km sind wir dann rechtschaffen müde. Ja, in der nächsten Ortschaft soll es noch Zimmer geben, dann kommen nur mehr kleine Dörfer. Wir also dorthin und rein in die Ortschaft. Jetzt gegen Abend sitzen alle Männer auf der Straße beim Tee, da wird schon einer was wissen.

 

Dann die Ernüchterung: Zimmer gibt es hier keines. Wildzelten trauen wir uns aber wegen der vielen Hunde nicht. Was nun? Im nächsten Teehaus bei der Moschee fragen, denn da hat uns schon vorher wer hingeschickt. Gemach, gemach, wird uns gedeutet, die Männer beginnen zu diskutieren. Tee wird gebracht. Dann wird telefoniert. Ob wir in der Moschee schlafen wollen? Der Imam wird angerufen, ja kein Problem. Er kommt dann nach dem Gebet. 

 

In der Zwischenzeit ist einer gekommen, der perfekt Deutsch spricht. Er war 12 Jahre in Deutschland. Wir fragen, ob wir dann dem Imam das Zimmer zahlen sollen: "Nein, nein", wir sind Gäste. Auch keine Spende für die Moschee dürfen wir geben. "So ist das in der Türkei!" 

 

Der Imam kommt. Er ist noch jung, sehr freundlich, begrüßt uns mit Handschlag (auch Karin). Die anderen begrüßen ihn mit tiefem Respekt, aber freundschaftlich, erheben sich beim Handschlag - so auch wir. "Das ist unser Hodscha, unser Papa", sagen sie. Selbstgemachte, sehr gute Zitronenlimo wird gebracht. Unser Versuch, einmal die anderen einzuladen, wird abgeschmettert. Nein, wir sind die Gäste.

 

Dann werden wir zur Moschee gebracht. Wir bekommen eine komplette Führung. Die Koranschule, ein modernes Klassenzimmer. Die Moschee, der Männerbetraum, die Frauen beten im ersten Stock, sie haben auch einen eigenen Aufgang. Es gibt ein WC und einen Waschraum. Duschen können wir in einem eigenen Raum, darin steht eine Art Massagetisch, aber mit Rinnen und Loch und mit Kopfbock. Wir glauben, es ist der Ort, wo die rituelle Schlachtung beim Opferfest stattfindet, zumal auch Gummistiefel und grüne, religiöse Gewänder da sind. Leider ist unser Übersetzer nicht mehr da, um zu fragen.

 

Dann werden wir in den Raum geführt, wo wir schlafen sollen. Es ist das Büro des Imams, direkt neben dem Betraum. Auf dem dicken Teppichen breiten wir unsere Schlafsäcke aus. Hier wird es uns gut gehen.  

 

"You wait, I bring eat", die Order wird an seine Familie weitergegeben. "Aber nein, danke" "Yes, yes". Bald darauf bringt uns der freundliche Mann ein Tablett mit Linsensuppe, Nudelsalat und geschnittenen Tomaten und einen ganzen Laib Brot und Saft. Kaum haben wir angefangen, kommen noch zwei dampfende Teller mit Rindfleischeintopf voll gefüllt. Hier isst auch Karl Fleisch, es wäre sehr unhöflich abzulehnen, wenn uns so freundlich gegeben wird.

 

Dann kommt der Imam nochmals. Nein, nein, in den dünnen Schlafsäcken sollen wir nicht schlafen, er bringt uns zwei dicke Tuchenten zum Drauflegen und eine Decke, damit wir es bequemer haben. Und einen 5-Liter-Container Wasser. Dann verabschiedet er sich. Wir schlafen direkt neben dem Minarett, der Weckruf ist somit garantiert. Am Abend folgt noch einmal ein Gebet. Wir hören durch die Wand leise den Gesang des Imams und wie sich die Männer beim Gebet erheben und niederknien.

 

 

Wir sind zutiefst ergriffen von dieser Gastfreundschaft und Freundlichkeit, die uns hier entgegengebracht wird. Dankbar sind wir, dass wir das erleben dürfen und fragen uns, ob wohl unser Herr Pfarrer auch zwei wildfremde Türken aufnehmen und verköstigen würde und sich dabei jede Gegenleistung verbieten würde. Wir verfassen ein höfliches Dankschreiben und kaufen noch ein paar Packungen Kekse zum Dazulegen, damit wir wenigstens eine Kleinigkeit für die Kinder der Koranschule dalassen. Wir sind tief beeindruckt  von diesem freundlichen Mann und auch den anderen Männern des 3800 Einwohner-Dorfes in den türkischen Bergen, die die Grundsätze ihrer Religion so selbstverständlich leben.

 


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