Ausspeisung im Sikh-Tempel

In langen Reihen sitzen die Hungrigen auf Teppichen. Ein paar Hundert Inder und zwei Hiesis. Zu den Sikhs kann jeder gegen eine kleine Tempelspende essen gehen, denn das gemeinsame vegetarische Mahl ist einer der Grundzüge der Sikh-Religion. Ein besonderes Erlebnis – und für viele die einzige Mahlzeit des Tages. Aus großen Kesseln wird das Essen in die Blechteller geschöpft – doch davon später mehr.

 

Der Tag beginnt mit einem indischen Frühstück: Frisch gebackene Kartoffel-Pfannkuchen mit Joghurt-Sauce und ein Tee mit Milch und Gewürzen gekocht. Schmeckt gut und macht satt! Dann machen wir uns auf zum Roten Fort. Was als Spaziergang geplant war, endet damit, dass wir erst 3½  Stunden später dort sind. Es gibt einfach soviel zu schauen!!!

 

Die heiligen Kühe haben das schönste Leben. Ungehindert spazieren sie durch die Gassen und speisen, was sie erwischen. Ihre männlichen Kollegen haben nicht so viel Glück. Sie sind nicht heilig und müssen deshalb schwere Lasten ziehen.

 

 

Der Weg ist gepflastert mit Versuchungen: Die indische Straßenküche bietet Überraschungen sonder Zahl von scharf bis süß, Gemüse, Brot, frittierte Hendl, frittierte Süßigkeiten in Sirup, und, und, und… In großen Kannen wird Milchtee ausgeschenkt. Aus Früchten und Gemüse wird Saft frisch gepresst. Wasser steht oft an den Straßenecken zum Trinken in großen Gefäßen bereit, aber ein bisschen Resthirn haben wir uns doch bewahrt. Wir trinken nur das Wasser, das wir uns selber filtern. Aber ab heute testen wir, was indische Straßenköche so brutzeln.

 

 

Auf den Märkten werden nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Trockenfrüchte, Nüsse, Hülsenfrüchte, Tee und einiges, was wir noch nie gesehen haben, verkauft.

 

 

Aus dem Englischen übersetzt bedeutet diese Speise Lotusblütenerbsen – indisches Popcorn, erklärt uns der Händler. Keine Ahnung, was es wirklich ist.

 

 

Unser erster Weg führt uns in die Moschee. Im Hof der Fatehpuri Masjid-Moschee erholen wir uns vom Lärm der Straßen. Hier sind wir in jeder Moschee und in jedem Tempel willkommen – Schuhe ausziehen und Tuch aufsetzen natürlich Voraussetzung.

 

 

 

 

 

Auch am Rathaus kommen wir vorbei.

 

Dann der Höhepunkt des Tages. Wir gehen zu den Sikhs essen. Die Sikhs betreiben eine Ausspeisungshalle neben ihrem Tempel, dem Gurdwara, wo jeder gegen eine kleine Spende essen kann. Wer nichts hat, muss auch nichts geben. In der Küche und bei den Ausspeisungen arbeiten Freiwillige, die Lebensmittel sind gespendet. Wir schauen nur rein, bekommen aber gleich einen Teller in die Hand gedrückt. Zuerst müssen wir aber Schuhe abgeben und Socken ausziehen. Und unser Haar mit einem Tuch bedecken. Auch Karl. Da passt sein Tuch mit dem indischen Gebet gerade richtig! Auf Teppichen nimmt man in langen Reihen nebeneinander Platz. Sobald der Blechteller vor einem steht, kommen die Helfer mit den Speisen vorbei: Chapati-Brot, eine gelbe Reissuppe, Linsen, eine extrem scharfe Chili-Gemüse-Sauce, Rettiche. Es wird mit großen Schöpfern ausgeteilt, die Helfer kommen immer wieder vorbei und fragen, ob man noch was will. Als Karls Teller leer ist, weist der Mann neben Karl den Helfer darauf hin, ihm noch was zu geben. Doch wir sind satt. Keiner schaut blöd, weil wir (natürlich wieder mal als einzige weiße Nasen) mitten drin sind, wir fühlen uns total willkommen.

 

 

 

 

 

Am freien Platz neben Karin sitzt Karl. Hier bleibt kein Platz frei...

 

Ist man satt, trägt man seinen Teller weg, damit die Nächsten Platz haben. So werden in kurzer Zeit Hunderte satt. Am Ausgang kann man aus Bechern Wasser trinken. Dann führt der Weg in den Tempel. Wir schauen aber zunächst noch in der Küche vorbei, wo in riesigen Töpfen gekocht und Brot gebacken wird.

 

 

Am Weg zum Tempel muss man durch Wasser gehen, damit man auch sicher rein ist. Man kann Tempelspenden kaufen und drinnen abgeben. Die Sikhs verehren ein Heiliges Buch, ein Mann steht dahinter mit einem Wedel und wedelt immer wieder. Dazu auch hier religiöse Musik. Das Ganze ein farbenprächtiges Bild

 

 

Wir geben unsere Tempelspende ab, holen unsere Schuhe und schlendern begeistert über dieses Erlebnis weiter.

 

Endlich kommen wir am Roten Fort an. Doch ach, es ist bloß ein blassrotes. Der Smog verhindert, dass die Sonne durchkommt und verwischt die Farben. Schade, aber der Smog dieser 21 Millionen-Stadt hängt auch jeden Morgen so über der Stadt, dass die Luft rauchig ist und richtig „greifbar“. Ruhig schlendern wir über dieses Areal und sehen uns die zahlreichen Gebäude an.

 

Das Red Fort ist eine Festungs- und Palastanlage aus der Epoche des Mogulreiches. Sie wurde zwischen 1639 und 1648 für den Mogulkaiser Shah Jahan erbaut und gehört seit 2007 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Ihren Namen erhielt sie von der charakteristischen roten Farbe des für die Festungsmauern verwendeten Sandsteins. (Wikipedia).

 

 

Danach gehen wir noch zur Jama Masjid, der größten Moschee Indiens. Schon gewarnt, dass irgendwelche selbst ernannten Wächter Eintrittsgeld eintreiben wollen, obwohl der Eintritt frei ist, braucht es echt Durchsetzungsstärke und es kommt fast zu Handgreiflichkeiten, als wir entschlossen reinmarschieren. Es lohnt sich nicht wirklich, aber wenigsten sind wir drin.

 

Dann sind wir rechtschaffen müde, sind wir doch heute viele km zu Fuß gegangen. Aber es ist einfach so spannend. An jeder Ecke passiert was. Schönes und Hässliches. Oft stinkt es nach Urin, weil Leute, die am Gehsteig schlafen, halt nicht nach Hause aufs Klo gehen können. Einmal liegt einer da, wo wir echt nicht sicher sind, ob er schläft oder tot ist, viele Fliegen krabbeln auf ihm rum. Lärm, viel Verkehr, dann wieder Tempel als Oasen der Ruhe. Farbenprächtig gekleidete Frauen, freundliche  Menschen, die sich gerne fotografieren lassen.

 

Wir beschließen den Abend mit einem Thali, einer Platte mit verschiedenen Gerichten. In Indien  essen wir bisher ausschließlich vegetarisch.

 

 

Da gibt es Butter-Nan (ein Fladenbrot), Reis, ein Kartoffel-Erbsen-Curry, Käse (Paneer) in Sauce, Dhal (Linsen), Salat und eine scharfe Joghurtsauce. Eigentlich sind fast alle Sachen scharf, aber selten höllisch. Um den Gaumen zu versöhnen, ist die Nachspeise ein in Sirup getränktes picksüßes Bällchen. Die Platte reicht für zwei, kostet zwei Euro und heißt Maharadja-Thali. Also speisen wir mittags wie die Bettler und abends wie die Maharadschas. Genauso ist Indien – voller Gegensätze – schön, hässlich, reich, arm, laut, spirituell auch im Alltagslärm und immer bunt und spannend.

 


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