Im Chin-Dorf

Der Abend bringt uns ungeahnte Köstlichkeiten und wir hoffen, dass unsere Verdauung jetzt wirklich krisenfest ist...

 

Zum Trocknen im Baum aufgehängtes Fleisch
Zum Trocknen im Baum aufgehängtes Fleisch

 

Unser Aufenthalt beinhaltet auch Abendessen und Frühstück, und was wir hier zum Abendessen bekommen, lässt sogar Karin ein wenig sorgenvoll an ihre Verdauung denken. Stellt euch vor: Im Baum vor dem Haus sind Fleischstreifen zum Trocknen in der Sonne aufgehängt. Wenn sie genügend getrocknet sind, werden sie auf Spießen über die offene Feuerstelle auf ein Gestell gelegt und so quasi geselcht. Als die Hausfrau jetzt zu kochen beginnt, nimmt sie Fleischstücke von den Spießen und weicht sie erst mal ein. Dann schneidet sie sie mit einer Art kleinen Dolch, den hier auch jeder Mann in einem kleinen Korb an der Hüfte hat, in kleine Stücke. Und die kommen dann in einen hölzernen Mörser und werden gestampft, bis sie ganz kleine Fasern sind. 

 

Getrocknete geselchte Fleischspieße
Getrocknete geselchte Fleischspieße

 

Da bekommt Karin schon mal die erste Kostprobe. Aha, es ist Rindfleisch. Weiter geht`s: Jetzt wird Ingwer dazugegeben und weiter gestampft, dann Öl in einem Wok erhitzt und das Ganze abgebraten. Dazu gibt es den obligatorischen Reis, Bratkartoffeln (eine Seltenheit, die wir in Asien sonst außer in Indien noch nirgends bekommen haben), Suppe, Bohnen und Senfgemüse. Zum Frühstück gibt es haargenau das Gleiche, aber frisch gekocht, da die Familie wartet, bis wir gegessen haben, und dann die Reste sofort aufisst.

 

Die Nacht verläuft überraschend ruhig für so viele Leute in einer Hütte. Nur einmal fällt ein Schuss, wie Gal ganz aufgeregt bemerkt. Na, wird halt  einer jagen sein… Bei uns in der Hütte an der Wand hängen auch Pfeil und Bogen, doch wir sehen am Hin- und Rückweg immer wieder Männer mit Gewehren. 

 

Die Hütten des Dorfes liegen weit verstreut über den Berghang.

 

 

Der Rückweg führt über eine andere Route noch durch weitere Chin-Dörfer. Wir fänden Fotomotive ohne Ende, doch haben wir bei dieser Tour mehr Fotos nicht gemacht, als gemacht, denn die Frauen sind hier eher zurückhaltend und Touristen eher nicht gewohnt, und wir sehen auch keine anderen Touristen. Wir fragen vor jedem Foto, ob wir es machen dürfen, und immer öfter sind wir damit zufrieden, die Frauen nur zu grüßen und dafür ein freundliches Lächeln zurückzubekommen. Schön, wenn wir so Teil ihres Alltags sind! Am Rückweg winkt uns eine alte Frau herbei, und plötzlich bringt ihre Familie  uns als Geschenk jedem ein Ei. „Esst, esst!“ deuten sie uns, und wir denken, die Eier sind gekocht und klopfen eines auf. Doch es ist roh! Das ist jetzt sogar Karin zu viel, denn eine Salmonellenvergiftung zu riskieren, wenn wir die nächste Woche noch tiefer in die Berge wollen? So vorsichtig wie möglich, um niemanden zu beleidigen, geben wir die Eier zurück, haben aber Angst, wir haben die Leute vor den Kopf gestoßen, weil wir ihr Geschenk nicht angenommen haben. Deshalb nimmt Karin dann auch einen beherzten Schluck aus dem Glas, aus dem gerade eine alte Dame süffelt, die unbedingt will, dass wir probieren. Es sieht aus wie heller naturtrüber Apfelsaft und schmeckt überraschender Weise wie schon ziemlich stark vergorener Sturm. Aus was das wohl gemacht ist? Fragen fällt wie üblich aus Mangel an gemeinsamer Sprache aus.  Später erfahren wir, dass dieses Getränk aus Hirse gebraut wird. Eine weitere Spezialität der Gegend konnten wir leider nirgends kosten: Aus den roten Blüten der Rhododendren keltern die Chin eine Art Rotwein. All diese Köstlichkeiten haben wir übrigens anstandslos vertragen, unser Reisemagen ist wieder voll belastbar;)

 

Der restliche Weg in der Hitze zuerst bergab zu einer Brücke, und dann zwei Stunden zurück steil bergauf nach Mindat ist anstrengend. Oben sind wir echt müde! Aber es hat sich gelohnt. Wir sind so dankbar, dass wir die Gelegenheit bekamen, diese Welt zu sehen, die sich so sehr von unserer unterscheidet. Noch ein paar Jahre, dann gibt es das nicht mehr! Obwohl das Tätowieren jetzt anscheinend verboten ist, tragen auch viele jüngere Frauen noch die Tatoos. Doch den alten Mann in seiner Tracht gibt es dann nicht mehr, und in den Dörfern wird es Strom geben, Straßen werden statt den Fußwegen gebaut, und Autos werden kommen. Und die Kinder, die jetzt ganz aus dem Häuschen sind, uns zu sehen, und winkend und lachend und grüßend gelaufen kommen – die hängen in zehn Jahren vielleicht am Smartphone…

 


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