In Falam

Jetzt wissen wir endlich, warum die in Falam keine Disco und keinen Club brauchen: Die gehen einfach in die Kirche – das rockt! Der Sonntag in Falam bringt uns ein wunderbares Erlebnis – und leider auch ein weniger schönes…

 

 

Unser Sonntagmorgen beginnt jedenfalls damit, dass ab acht Uhr früh Scharen von Leuten in Sonntagskleidung unter unserem Zimmerfenster vorbeiziehen. Sie streben ihren diversen Kirchen zu, und nachdem John gestern schon geklärt hat, dass wir ja dem rechten Glauben angehören, und uns dreimal eingeladen hat, mit ihm die Messe zu besuchen, machen auch wir uns kirchenfein. Zuhause außer an Weihnachten keine Kirchgänger, sehen wir den heutigen Messbesuch eher als Erlebnis – und das wird es wirklich!

 

An der Kirchentür begrüßt der Herr Pastor mit Handschlag alle seine Schäfchen - und zwei Hiesis. Die Kirche füllt sich, bis nahezu alle Plätze belegt sind, trotzdem bleibt die Kirchentür für Nachzügler offen. Kinder werden gestillt, Kleinkinder zappeln herum, Jugendliche versuchen, cool auszusehen und die Männer würdig. Trotzdem sind die Frauen in der Überzahl. Kirchenbesuch als Freizeitgestaltung scheint eher weiblich zu sein 😉.

 

Und dann beginnen sie zu singen. Den Baby rutscht vor Schreck die Brustwarze aus dem Mund, die Kleinkinder hüpfen begeistert mit, und die Jugendlichen trommeln wirklich cool auf die Bänke. Und alle singen lautstark mit, drei Lieder hintereinander, der Text wird auf einer Leinwand eingeblendet, damit alle mitsingen können – Mann, ist das lebendig. Das nenne ich mal „Praising the Lord!“

 

Doch das Leben ist nicht nur ein „Halleluja!“. Gleich drei Prediger maßregeln ihre Kundschaft, und obwohl wir kein Wort verstehen, wütet das weibliche Schwert Gottes mit einer derartigen Inbrunst, dass wir ganz still werden und im Geiste schon mal unseren Sündenkatalog überdenken. Na ja, Gefräßigkeit und Wollust werden sie hoffentlich nicht zu stark bestrafen😉.

 

Doch auch 40 Minuten haben einmal ein Ende, und es wird wieder schwungvoll gesungen. Herrlich! Am meisten überrascht uns jedoch die Kommunion. „Und er nahm den Keks, brach ihn und reichte ihn seinen Jüngern…“ Nein, wir wollen uns jetzt wirklich nicht über Religion lustig machen, aber das ist hier wirklich so. Noch vor der Wandlung gehen die Messdiener mit großen Tabletts voller Butterkeksstücken herum, und jeder nimmt einen Keks. Aber noch nicht essen! Dann bei der Wandlung bricht der Herr Pastor tatsächlich einen großen Keks in der Mitte, und erst nach der Wandlung verspeisen wir alle andächtig unseren Keks! Und dann kommt noch der Messwein! Jetzt gehen die doch tatsächlich mit Tabletts herum, und jeder bekommt ein Stamperl mit Rotwein! Und das Beste ist jetzt, damit man das Stamperl nicht bis nach der Wandlung  in der Hand halten muss, gibt es im Kirchengestühl Stamperlhalter!!! Das wäre doch einmal eine Aufgabe für den Verschönerungsverein, für unsere Kirche Stamperlhalter zu bauen... Ein guter Tischler ist gefragt😉 Nachdem auch der Wein „gewandelt“ ist, kippen alle ihr Stamperl mit Schwung – und die leeren werden wieder eingesammelt. Nun noch beschwingter, singen wir uns wieder die Seele aus dem Leib – und wir verstehen jetzt, wie man Kirchen füllen kann! Nein, nicht mit Stamperln, sondern mit Begeisterung, obwohl wir ehrlich zugeben müssen, dass unsere ein wenig unter der Messdauer von 2 Stunden und 40 Minuten leidet…

 

Nach dem Messbesuch streben wie zu Hause alle zügig dem Sonntagsbraten zu – nicht umsonst ist uns gestern ein Mann mit dem Wochenendeinkauf entgegengekommen – in der einen Hand ein Beutel Grüngemüse, in der anderen ein lebendes Huhn, an den Füßen getragen… Für uns besteht die Aufgabe nun darin, ein buddhistisches Restaurant zu finden, denn die guten Christen heiligen der Sonntagsruhe. Die Buddhisten freuen sich darüber und machen am Sonntag ihren Hauptumsatz😉

 

Nachdem auch wir ein wenig der Sonntagsruhe geheiligt haben – man soll sich ja immer anpassen – machen wir uns auf zum Aussichtspunkt bei der Pagode auf der gegenüberliegenden Bergseite, weil man da den besten Blick über die Stadt hat. Und da passiert dann das Hässliche.

 

 

Auf dem Areal laufen ein paar Kinder herum, und auch einige Jugendliche sind mit dem Moped gekommen. Und als wir nach dem Besuch der Pagode wieder zurückkommen, steht da gerade noch ein einsames Paar Schuhe  vor der Tür – Karls! Seine Treter Größe 42 passen wahrscheinlich auf keinen zarten Asiaten-Fuß… Karins Sandalen Größe 37 haben dagegen einen Liebhaber gefunden, dem wir Fußpilz wünschten, wenn wir denn einen hätten! Bestohlen werden ist nie schön, aber vor einer Pagode, wo man die Schuhe ausziehen muss, und noch dazu in einem unserer Lieblingsländer, wo wir acht Wochen lang ständig irgendwo unsere Schuhe stehen ließen – das ist wirklich bitter! Und der Heimweg barfuß lang! John ist total von den Socken, dass das in seinem christlichen Falam passieren kann, und ist sofort der Meinung, dass das nur Buddhisten gewesen sein können…

 

 

Außerdem wartet noch eine andere Überraschung auf uns – aber eine erfreulichere.

 

Auf unserem Balkon sitzen doch tatsächlich zwei Falang – zwei weiße Nasen. Der letzte, den wir getroffen haben, war Gal. Doch die beiden zählen eigentlich nicht als Touristen, denn beide arbeiten in Yangon, und Griffin hat hier in Falam ein Jahr lang als Lehrer gearbeitet und besucht jetzt Freunde. Seinen Arbeitskollegen Chris hat er mitgenommen, die beiden reisen mit dem eigenen Moped, denn in Myanmar ansässige Ausländer dürfen auch offiziell eines mieten oder fahren. Griffin nimmt uns gleich unter seine Fittiche, und da er Birmanisch spricht, bestellt er beim gemeinsamen Abendessen, was nicht auf der Karte steht: Tok tok chow oder so, und das entpuppt sich als das Näheste an einem Schnitzel, was wir je bekommen haben, paniertes gebackenes Schweinefleisch, hier allerdings mit gebratenem Gemüse obenauf serviert… Aber Schnitzel mit Tunke soll einem ja in Deutschland auch passieren können😉 Dazu süß-saures Huhn und eine große Schüssel scharfe Suppe und Reis – auch die Dame, die jetzt in Flip-Flops geht, ist jetzt wieder besser gestimmt😉

 

Und da der Griffin kein Kind von Traurigkeit ist, sehen wir dann etwas, das ganz bestimmt nicht für Touristenaugen bestimmt ist: Johns geheimen Weinkeller, wo er in großen Tonkrügen Rotwein braut! „Mein Wein ist der beste! Denn ich gebe nur Trauben und Zucker rein. Wisst ihr, andere tun da auch noch Alkohol dazu…“, meint er stolz. Beim Chin-State-Day im Februar verkauft er den fünf Jahre alten Wein – „da ist durchgehend Party!“, an Private den Dreijährigen, und wir verkosten die Sechs-Monats-Variante, wo gleich der Verschluss ausfährt, handelt es sich doch eher noch um Schaumwein. Sehr prickelnd, sehr süß – einer ist genug, denn morgen wollen wir sieben Stunden Bus fahren. Da wissen wir noch nicht, dass wir nach einer Planänderung sogar 26 Stunden Bus fahren werden…

 

Bilder von Griffin Hotchkiss:

 

 

Und jetzt zum Schluss noch eine Frage: Wozu dient dieses höchst nützliche Werkzeug?

 


Wir freuen uns über eure Kommentare, Anregungen, Fragen...

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Kommentare: 3
  • #1

    Monika (Dienstag, 05 Februar 2019 22:47)

    Hey ihr Lieben, eines versprechen wir euch, wenn Herr Pfarrer Kraus Wein für alle in der Kirche verteilt hat der Verschönerungsverein zur nächsten Messe Stamperlhalter parat und ist bei jeder Messe anwesend!


  • #2

    Sebastian Kunze (Mittwoch, 06 Februar 2019 03:52)

    Schaut nach einem Flaschenöffner aus ;-)

  • #3

    die hiesis (Mittwoch, 06 Februar 2019 04:01)

    Hey Sebastian,
    man merkt, dass du dich auch schon einige Wochen in Myanmar herumtreibst ;-)